
UN-Berichte dokumentieren Folter und Misshandlungen ukrainischer Kriegsgefangener in russischer Gefangenschaft, darunter körperliche und sexuelle Gewalt, Isolation und unzureichende medizinische Versorgung. Der Artikel untersucht wiederkehrende Praktiken in Hafteinrichtungen und die Verantwortung der russischen Behörden.
Was sagen die Zahlen? In ihrem am 29. Juni 2026 veröffentlichten Bericht dokumentiert die UN Befragungen von 129 repatriierten ukrainischen Kriegsgefangenen. Von ihnen berichteten 124 über Folter oder andere Misshandlungen; 97 schilderten wiederholte Übergriffe über längere Zeiträume in offiziellen Internierungseinrichtungen. Diese Zahlen beziehen sich auf die befragte Gruppe, nicht auf sämtliche Militärangehörigen in Gefangenschaft.
Die Gewalt begann häufig bereits bei der Ankunft in einer Haftanstalt. Ein UN-Bericht vom Oktober 2024 hatte solche „Aufnahmeverfahren“ an 38 Haftorten dokumentiert. Gefangene beschrieben, wie sie zwischen Wachleuten hindurchgehen mussten, die auf sie einschlugen, wie sie in schmerzhaften Körperhaltungen festgehalten, mit Elektroschocks misshandelt und gewaltsam entkleidet wurden. Manche hatten diese Prozeduren in bis zu fünf verschiedenen Einrichtungen durchlaufen. Ihre Wiederholung bei jeder Verlegung machte den Ortswechsel zu einer weiteren Quelle der Angst.
Die Misshandlungen setzten sich bei alltäglichen Abläufen fort. Im Bericht vom Dezember 2025 schilderten ehemalige Gefangene Schläge bei Kontrollen, auf dem Weg zu den Duschen oder zur Krankenstation, das Herbeiführen von Erstickungszuständen, Angriffe mit Hunden und erschöpfende körperliche Übungen. Manche sagten, ihnen sei nicht einmal der Name der Einrichtung mitgeteilt worden, in der sie festgehalten wurden. Andere berichteten von Folter während der Verhöre, um Geständnisse zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen zu erzwingen.
Isolation verstärkte die körperliche Gewalt. Die UN dokumentierte Verlegungen in abgelegene Einrichtungen der Russischen Föderation, Verbote des Kontakts zur Familie und die Geheimhaltung der Haftorte. Das Gefängnispersonal trug mitunter Sturmhauben, um seine Identität zu verbergen. Für die Angehörigen zu Hause verlängerte diese Isolation die Ungewissheit: Wo befand sich der gesuchte Mensch, und war er überhaupt noch am Leben?
Ein gesonderter Bericht vom September 2026 dokumentiert auch sexuelle Gewalt gegen Gefangene, darunter Elektroschocks und Schläge gegen intime Körperstellen. Die UN weist darauf hin, dass die meisten dokumentierten Opfer sexueller Gewalt in Haft Männer waren. Dies ist ein Aspekt der Gefangenschaft, über den zu sprechen aufgrund von Scham und Traumatisierung besonders schwerfallen kann.
Selbst die bevorstehende Freilassung bot keinen sicheren Schutz. Drei Militärangehörige, die für den Bericht vom Juni 2026 befragt wurden, berichteten, Wachleute hätten sie vor dem Gefangenenaustausch am 5. Februar „zum Abschied“ geschlagen und mit Elektroschocks misshandelt. Derselbe Bericht verzeichnet auch einige Verbesserungen in bestimmten Einrichtungen seit Ende 2024: besseres Essen, einen verbesserten Zugang zu medizinischer Versorgung und einen Rückgang bestimmter Formen alltäglicher Gewalt. Die Misshandlungen hielten jedoch an.
Wer trägt die Verantwortung? Die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der UN kam zu dem Schluss, dass die russischen Behörden eine koordinierte staatliche Politik der Folter an ukrainischen Zivilpersonen und Kriegsgefangenen umgesetzt hätten, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstelle. Die Untersuchung stellte die Beteiligung mehrerer Dienste und Sicherheitsorgane, eine Aufteilung der Aufgaben sowie wiederkehrende Praktiken der Einschüchterung und Bestrafung fest. Dabei handelt es sich um eine Feststellung der Untersuchungskommission, die von einer strafrechtlichen Verurteilung einer Einzelperson zu unterscheiden ist.
